![]() AktuellesRauchen als Risiko und Nicotin als Therapeutikum für Alzheimer?Es ist bekannt, dass Nicotin eine stimulierende Wirkung hat. Positive Effekte auf psychomotorische Leistungen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit sind bereits seit langem bekannt, sind aber nur von kurzer Dauer. Trotz dieser positiven Effekte muss man auch immer berücksichtigen, dass Nicotin eine Droge ist, die ein hohes Abhängigkeitsrisiko in sich birgt. Nicotin wirkt auf das dopaminerge System, steigert die Ausschüttung von Serotonin, Endorphinen und auch von Adrenalin. Der verengende Effekt von Nicotin auf die peripheren Blutgefäße fördert die Entstehung von Bluthochdruck und die Erhöhung der Herzschlagfrequenz. Seit den 80ern wird ein Zusammenhang zwischen Rauchen und der Alzheimer Erkrankung diskutiert. Diverse Studien an Alzheimerpatienten zeigen, dass Rauchen und somit die langfristige Aufnahme von Nicotin in den Körper unter bestimmten Umständen einen Risikofaktor, an Alzheimer zu erkranken, darstellt. Eine Studie, die 2004 im European Journal of Neurology veröffentlicht wurde, kann den direkten Zusammenhang zwischen Raucherstatus, Zigarettenbedarf und dem Risiko an Demenz zu erkranken, herstellen. Am bedeutendsten ist die Rotterdam-Studie. Dies ist eine sehr umfangreiche Studie mit 7000 gesunden Menschen, davon 23 Prozent Raucher, über einen Zeitraum von sieben Jahren. Auch diese Studie zeigt, dass Rauchen signifikant einen Risikofaktor darstellt, an einer Demenz oder Alzheimer zu erkranken (Reitz C, den Heijer T, van Duijn C, Hofman A, Breteler MM, Neurology 2007;69:998-1005). Kürzlich sind die nicotinergen Acetylcholinrezeptoren in den Fokus des Interesses gerückt. Diese Rezeptoren werden durch Nicotin stimuliert und sind für kognitive Leistungen erforderlich. 1986 konnten Whitehouse und sein Team nachweisen, dass im Gehirn von an Alzheimer erkrankten Patienten weniger nicotinerge Acetylcholinrezeptoren vorhanden sind als bei gesunden gleichaltrigen Menschen (Whitehouse PJ, Martino AM, Antuono PG, et al., Brain Res 1986; 371:146-151). Es ist natürlich denkbar, dass eine gesteigerte Stimulation durch Nicotin dieses Defizit an nicotinergen Acetylcholinrezeptoren ausgleichen kann. Kritisch ist allerdings zu prüfen, ob eine langfristige Gabe von Nicotin nicht möglicherweise eine Verminderung der Anzahl von nicotinergen Acetylcholinrezeptoren zur Folge hat. So könnte sich ein kurzfristig positiver Effekt in einen langfristig nachteiligen Effekt verwandeln und eine kontinuierliche Steigerung der Nicotindosis bei ansteigendem Verlust von Rezeptoren erfordern. Nordberg und ihre Mitarbeiter betrachten die positive Wirkungsweise von Nicotin im Zusammenhang mit Demenz und der Alzheimer Erkrankungen von einem ganz anderen Blickwinkel. Ihre Forschungsergebnisse legen einen verringernden Effekt von Nicotin auf die Bildung von Amyloidplaques in Alzheimer Erkrankten nahe. Mäuse mit einem genetischen Defekt, der zu einer Steigerung der Amyloidplaque-Bildung im Gehirn führt, haben unter Nicotintherapie einen deutlich geringeren Anteil dieser Aggregate als unbehandelte Mäuse (Nordberg A, Hellström-Lindahl E, Lee M, Johnson M, Mousavi M, Hall r, Perry E, Bednar I, Court J, Journal of Neurochemistry, 2002;81:655-658). Sie schließt daraus, dass Nicotin ein potentielles Therapeutikum für Alzheimer Erkrankte sein kann. Tatsächlich wurde am 10. Januar 2012 ganz aktuell eine Humanstudie zur Behandlung von milden kognitiven Störungen mit Nicotinpflastern (15 mg/Tag) in der amerikanischen Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht. Dr. Newhouse und seine Kollegen führten eine Doppelblind-Studie an 67 Nichtrauchern mit milden kognitiven Störungen durch. Diese Pilotstudie wurde über einen Zeittraum von 6 Monaten durchgeführt und hat zum Ergebnis, dass diese Behandlung einen positiven Effekt auf die psychomotorischen Leistungen, das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit von Nichtrauchern mit milden kognitiven Störungen hat. Gleichzeitig wurde untersucht, ob die negativen Eigenschaften von Nicotin zum Vorschein kommen. Überraschend werden von den Autoren die Untersuchungen so gewertet, dass die Nicotinpflaster über diesen Zeitraum gut verträglich waren. Von unserer Seite ist darauf hinzuweisen, dass eine Reduktion des systolischen Blutdrucks und eine Gewichtsabnahme bei der Gruppe, die mit den Nicotinpflastern behandelt wurde, beobachtet wurden. Laut Studie konnte keine entstehende Nicotinabhängigkeit nach den 6 Monaten Untersuchungszeitraum nachgewiesen werden. Ob dies nun tatsächlich aufgrund der gewählten Dosis der Fall ist, bleibt fraglich. Letztendlich werden die Probanden möglicherweise nach Absetzen des Nicotinpflasters Kopfschmerzen oder Angstzustände gehabt haben. Sie haben zwar nicht erneut nach einem Nicotinpflaster verlangt, aber die Frage ist, ob dies wirklich ein geeigneter Maßstab ist, um die Entwicklung einer Abhängigkeit zu diagnostizieren. Zudem ist denkbar, dass der Untersuchungszeitraum von 6 Monaten nicht unbedingt ausreichend ist, um die Spätfolgen eines langfristigen Nicotinkonsums nachzuweisen. Diese Folgen werden bei Menschen mit milden kognitiven Störungen genauso auftreten wie bei Menschen ohne kognitive Störungen, die jahrelang rauchen. Die Studie ist sehr kritisch zu betrachten. Der kurzfristige positive Effekt auf die kognitive Leistungsfähigkeit steht dem langfristigen negativen Effekt gegenüber. Eine Medikamentation von Demenzerkrankungen mit Nicotin erscheint daher nicht zweckmäßig. Anstelle von weiteren Humanstudien ist weitere Grundlagenforschung zur Untersuchung der Effekte von Nicotin auf die Rezeptorlandschaft im Gehirn dringend erforderlich. Auch der molekulare Effekt von Nicotin auf die Verminderung von Amyloidplaques ist nicht genauer geklärt. Möglicherweise wäre es denkbar, dass in Zukunft Nicotinanaloga mit geringerem Suchtpotential und geringeren Nebenwirkungen eingesetzt werden könnten. Dazu ist aber dringend erforderlich, dass der Wirkungsmechanismus, auch im Kontext mit möglicherweise auftretenden negativen Seiteneffekten, genauer aufgeklärt wird. Zum jetzigen Zeitpunkt überwiegen die negativen Eigenschaften von Nicotin die vermeintlich als positiv gewerteten bei Weitem. Text: Dr. Dagmar Salber, Stiftung Alzheimer Initiative |
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